Herzzentrum Göttingen setzt Herzpatienten selbstauflösendes Gefäßgerüst ein


Kardiologen des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen haben erstmals in Niedersachen einen neuartigen Stent implantiert: eine selbstauflösende Gefäßstütze.
Verengungen und Verschlüsse der Herzgefäße stellen eine große Gefahr für die Gesundheit der Betroffenen dar. Durchblutungsstörungen des Herzens ("Angina pectoris") oder Herzinfarkte können die Folgen sein. Über 300.000 Patienten jährlich unterziehen sich daher in Deutschland einer Katheterbehandlung an den Herzkranzgefäßen. Bei dieser minimal-invasiven Behandlung werden die Gefäße geweitet und Gefäßstützen ("Stents") implantiert, um einen erneuten Verschluss zu verhindern. Dennoch besteht durch Gefäßwandwucherung oder Bildung von Gerinnseln an den Metallstreben des Gefäßgerüsts das Risiko einer erneuten Verengung der Herzgefäße. In den letzten Jahren wurden erhebliche Fortschritte bei der kathetergestützen Behandlung der koronaren Herzkrankheit gemacht. Durch die Einführung von Gefäßstützen, die zudem Medikamente freisetzen, kann seit fast zehn Jahren das Risiko der Gefäßwandwucherung deutlich reduziert werden.
Erstmals in Niedersachen wurde nun den ersten vier Patienten in der Abteilung Kardiologie und Pneumologie (Direktor: Prof. Dr. Gerd Hasenfuß) der Universitätsmedizin Göttingen ein neuartiges Gefäßgerüst implantiert, das das Risiko der Gerinnselbildung minimiert. "Die Kardiologie hat seit der ersten Ballonaufdehnung eines Herzkranzgefäßes durch Andreas Grüntzig im Jahre 1977 eine faszinierende Entwicklung durchlaufen", sagt Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender des Herzzentrums und Direktor der Abteilung Kardiologie und Pneumologie an der Universitätsmedizin Göttingen. "Während man die ersten Behandlungen als einen rein mechanischen Vorgang zur Beseitigung einer Enge verstehen muss, zielen die neuen Behandlungskonzepte darauf ab, das Gefäß zu heilen und ihm seine ursprüngliche Funktion zurück zu geben. Die neue Gefäßstütze ist ein enorm wichtiger Schritt in diese Richtung", so Prof. Hasenfuß.
Aufgelöst und trotzdem wirksam
Bei dem Eingriff verwendeten die UMG-Kardiologen Prof. Dr. Wolfgang Schillinger und Dr. Mark Hünlich die weltweit erste Gefäßstütze mit dem CE-Prüfsiegel, die ein Medikament freisetzt und bioresorbierbar ist. Das Implantat besteht aus polymerisierter (vernetzter) Milchsäure, dem gleichen Material, aus dem beispielsweise selbstauflösendes Nahtmaterial hergestellt wird. Das neue Implantat baut sich innerhalb von zwei Jahren langsam ab und wird vollständig vom Körper aufgenommen. Anders als bei den bisher verwendeten Stents aus Metall besteht so die Möglichkeit, dass die natürlichen Gefäßfunktionen, wie Anspannen und Pulsieren, wiederhergestellt werden können.
Ein weiterer positiver Effekt des neuen Materials ist, dass Patienten mit Nickelallergie keine allergischen Reaktionen mehr zu fürchten brauchen, da das selbstauflösende Gefäßgerüst komplett ohne Metall hergestellt wird. Aktuelle Forschungsergebnisse belegen die Sicherheit und Funktionalität der Gefäßstütze und zeigen darüber hinaus, dass die manchmal langfristige Gabe von Medikamenten zur Thrombosebehandlung bei den Patienten verkürzt werden kann. In bisherigen Studien mit dem neuen Implantat sind keine Fälle von Gerinnselbildung in der Gefäßstütze aufgetreten. "Die Eingriffe verliefen völlig problemlos. Die meisten Patienten konnten unmittelbar nach dem Eingriff aufstehen", sagt Prof. Schillinger. Dennoch weist er darauf hin: "Auf die bewährten Metallstents können wir trotzdem so schnell noch nicht verzichten. Die neuen Gefäßstützen gibt es momentan nur in einer Größe und eignen sich zurzeit noch nicht zur Behandlung von komplexen Problemen wie beispielsweise stark verkalkten oder verzweigten Gefäßen", so Schillinger.
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