Extremszenarien „Wir müssen üben!“
Ein grundsätzlich belastetes medizinisches System muss auf Extremszenarien wie Krieg und Terror eingestellt werden, das ist teuer, ungewohnt und gleichzeitig unerlässlich.
Claudia Schneebauer, Saarlouis

Hybride Angriffe, Terror und Naturkatastrophen – im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) diskutierten Experten Extremszenarien und wie sich medizinische Einrichtungen darauf vorbereiten können und sollen. Die alarmierende Botschaft lautet, dass das deutsche System auf Krieg, Terroranschläge und Naturkatastrophen nur wenig bzw. nicht ausreichend vorbereitet ist.
„Die überwiegende Mehrheit der Krankenhäuser in Deutschland hat eine KAEP, also Krankenhausalarm- und -einsatz-Planung, für Massenanfälle von Verletzten“, erklärte Prof. Andreas Markewitz, medizinischer Geschäftsführer der DIVI. „Aber in der Schublade nützen Pläne nichts.“
Markewitz ist Oberstarzt a.D. und hat den Bündnis- oder Verteidigungsfall vor Augen. Schätzungen der Bundeswehr sprechen dann von 1.000 Verletzten täglich, 20% davon im Intensivbereich mit komplexer Versorgungslage.
Diese Zahlen resultieren aus Lageanalysen des britischen und deutschen Militärs, basierend auf den Geschehnissen in der Ukraine. Deutsche Krankenhäuser verfügen beinahe durchgängig über KAEPs, die jedoch zu selten operativ auf dem Übungsplan stehen.
„Nur durch regelmäßige Übungen können wir sicherstellen, dass Abläufe funktionieren, Schnittstellen greifen und Personal vorbereitet ist“, betonte Prof. Felix Walcher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.
Positive Beispiele
In Magdeburg hatte am 20. Dezember 2024 das medizinische und Notfall-System von guter Vorbereitung profitiert. Ein Attentäter hatte ein Fahrzeug auf dem Weihnachtsmarkt in die Menschenmenge gesteuert. Er tötete sechs Menschen und verletzte mindestens 323. Alle helfenden Beteiligten behielten klaren Kopf, hatten sie doch derartige Szenarien über Jahre hinweg geübt, selbst in Teilbereichen. Das Notfallkonzept war innerhalb kurzer Zeit auf aktiv gestellt. Trotz des gewalttätigen Charakters der Situation zieht Walcher ein ermutigendes und wertschätzendes Resümee: „Im Team haben wir es gut absolviert.“
Ebenso unterstreicht das Ahrtal Hochwasser in Deutschland die Bedeutung vorbereiteter Teams und Strukturen. In betroffenen Regionen haben Kliniken und Rettungsdienste dank geübter Abläufe und klarer Kommunikationsketten schnell reagiert und Patienten evakuiert. Dabei hatten sie mit Stromausfall und eingeschränkter Infrastruktur zu kämpfen. „Das Hochwasser war ein Stresstest – und hat gezeigt, dass Übung Leben rettet“, so Walcher.
Übergreifendes Netzwerk
Klinische Resilienz beinhaltet mehr als das Durchspielen eines Alarmplans des einzelnen Krankenhauses. Die Experten betonten, dass eine realistische Übung organisatorische, operative und planerische Maßnahmen umfassen muss. Organisatorisch bedeutet das die Einrichtung einer zentralen Einsatzleitung, klare Rollenverteilung, das Testen von Alarmierungsketten und Kommunikationswegen zwischen Klinik, Rettungsdienst, Polizei und THW. Operativ müssen Behandlungsplätze aufgebaut, Triage unter Echtbedingungen durchgeführt, Material- und Medikamentenlogistik geprüft sowie Personalrotation und Pausenplanung eingeübt werden.
Planerisch gilt es, Szenarien mit hoher Opferzahl durchzuspielen, Evakuierungspläne für Kliniken zu testen, Schnittstellen zu Nachbarregionen einzubeziehen und eine lückenlose Dokumentation sowie Nachbereitung sicherzustellen. „Eine Übung muss den Ernstfall abbilden – mit Stress, Zeitdruck und Ressourcenknappheit. Nur so erkennen wir Schwachstellen“, so Markewitz.
Die DIVI betont, dass solche Übungen die gesamte Infrastruktur betreffen würden: Stromversorgung, IT-Systeme, Kommunikationsnetze und die Verfügbarkeit von Intensivbetten müssen unter Krisenbedingungen getestet werden. Abseits der Abläufe und Übungen spielen auch bauliche Strukturen eine große Rolle. Bestandskliniken dürfen ihre Architektur überprüfen und ggf. Gebäude verändern und erweitern. Damit gehen hohe Investitionen einher, wenn OP-Kapazitäten verlegt bzw. neu erstellt werden müssen. Selbst aktuell geplante Neubauten gehen selten von diesem Notfallplan aus und dürfen von Architekten und Bauherrn erneut überarbeitet sein.
Kosten, die lohnen
Eine Vollübung pro Klinik kostet laut DIVI zwischen 50.000 und 100.000 €, regionale Großübungen sogar bis zu 500.000 €. „Das ist viel Geld – aber im Ernstfall unbezahlbar“, so Markewitz. Die DIVI fordert daher eine verbindliche Finanzierung durch Bund und Länder, wie im Koalitionsvertrag angekündigt.
Die Botschaft der DIVI-Vertreter ist eindeutig: Um handlungsfähig zu sein, müssen sich alle Beteiligten vorbereiten. DIVI-Generalsekretär Prof. Uwe Janssens, Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler, unterstreicht, wie wichtig finanzielle Mittel seien, um das überregionale Zusammenspiel der Kräfte zu üben. So bleibt der Appell an Politik und Gesellschaft, gesetzliche Rahmenbedingungen für das Krisenmanagement zu schaffen, klare Zuständigkeiten festzulegen und die Finanzierung sowie Verpflichtung zu regelmäßigen Übungen sicherzustellen.













