13.08.2026 • News

Ausstellung „Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“

Pflege sichtbar machen heißt Expertise sichtbar machen.
Zu Besuch in der Ausstellung im Rahel Hirsch Center der Charité.

Insa Schrader, Berlin

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Ausstellung: Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“ im Rahel Hirsch Center, Luisenstraße 65, Berlin bis 29.10.2026 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–17 Uhr
© Patricia Kühfuss

Pflege ist im Krankenhaus unverzichtbar – doch ein wesentlicher Teil ihrer professionellen Leistung bleibt unsichtbar. Die Ausstellung „Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“ im Rahel Hirsch Center der Charité zeigt anhand von Fotografien und Stimmen aus Pflegepraxis und Pflegewissenschaft, welches Wissen hinter alltäglichen Situationen steckt. Für Kliniken berührt das eine strategische Frage: Welchen Stellenwert erhält pflegerische Expertise in der Transformation der Versorgung?

Wer Pflege fotografiert, landet schnell bei vertrauten Motiven: eine Pflegefachperson am Bett, eine Hand am Patienten, ein Kasack auf einem Krankenhausflur. Solche Bilder sind nicht falsch. Aber sie erzählen nur einen kleinen Teil dessen, was professionelle Pflege ausmacht. Klinische Beobachtung und Entscheidungsfindung, Kommunikation, Risikoeinschätzung, wissenschaftliches Wissen, Koordination und die kontinuierliche Anpassung von Versorgung sind fotografisch kaum zu erfassen. Gerade diese weitgehend unsichtbaren Leistungen sind jedoch entscheidend für Versorgungsqualität und Patientensicherheit.

An diesem Punkt setzt die Ausstellung „Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“ an. Die Fotografin Patricia Kühfuss hat über ein Jahr Pflegefachpersonen in unterschiedlichen Funktionen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin begleitet. Ihre Fotografien verbindet sie mit Interviews mit Menschen aus Pflegepraxis und Pflegewissenschaft. Die zentrale Frage lautet: Was kann Pflege – und was kann Pflegewissenschaft?

„Man sieht nur, was man weiß“

Mit dem Pflegeberuf beschäftigt sich Kühfuss seit ihrem Fotografiestudium in Hannover, als sie mit zwei Krankenpflegern in einer Wohngemeinschaft lebte. Dabei stieß sie früh auf ein grundsätzliches Problem der visuellen Darstellung. „Mich hat die Frage nicht mehr losgelassen: Warum kriege ich den Beruf der Pflege nicht in ein Bild, das ihm gerecht wird?“, sagt Kühfuss. Die Fotografien allein konnten die fachliche Komplexität der Situationen, die sie während ihrer Arbeit erlebte, kaum vermitteln.

Nach ihrem Masterstudium an der Royal Academy of Art in Den Haag entwickelte sie deshalb ihre Arbeitsweise weiter. Ausgangspunkt ist der Satz: „Man sieht nur, was man weiß.“ Kühfuss legt Pflegefachpersonen ihre Fotografien vor und fragt, was sie darin erkennen und welche beruflichen Erfahrungen die Bilder auslösen. So wird das sichtbare Geschehen durch das unsichtbare Wissen dahinter ergänzt.

Eine Pflegefachperson denkt beim Betrachten eines Bildes beispielsweise an ihre Arbeit in der Neurologie: an die körperlich anspruchsvolle Versorgung, gleichzeitig aber auch an die genaue Wahrnehmung kleiner Fortschritte – wenn motorische Fähigkeiten zurückkehren oder sich die Sprache eines Patienten verbessert. Ein anderes Bild ruft Erinnerungen an die Pädiatrie und die besondere Kommunikation mit Kindern hervor. Wieder ein anderes führt unmittelbar zur evidenzbasierten Pflege: Leitlinien lesen, Erkenntnisse zusammenfassen, eigene Forschung durchführen und Kolleginnen und Kollegen davon überzeugen, etablierte Abläufe auf Grundlage neuer Evidenz zu verändern. Aus scheinbar alltäglichen Szenen werden damit Bilder über Fachwissen, klinische Urteilsfähigkeit und professionelle Verantwortung.

Wenn Wissen in die Versorgung gelangen soll

Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Jan Kottner vom Institut für Klinische Pflegewissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Rahmen der Tandemförderung scienceXmedia der Stiftung Charité. Die Verbindung von Fotografie und Pflegewissenschaft verweist auf eine zentrale Herausforderung für Krankenhäuser: Erkenntnis allein verändert noch keine Versorgung.

Pflegewissenschaft kann Evidenz für eine bessere Versorgung schaffen. Damit daraus Veränderungen am Patientenbett entstehen, muss dieses Wissen jedoch in die Praxis gelangen. Leitlinien müssen erschlossen, Forschungsergebnisse bewertet, Prozesse hinterfragt und neue Vorgehensweisen im klinischen Alltag etabliert werden. Eine in der Ausstellung zitierte Pflegefachperson bringt diese Herausforderung auf den Punkt: „Meine größte Herausforderung: Zu überzeugen, dass man gewisse Tätigkeiten im Arbeitsalltag anders machen muss. Dieser gesamte Prozess ist komplex.“

Für das Krankenhausmanagement ergeben sich daraus konkrete Fragen: Haben Pflegefachpersonen ausreichend Möglichkeiten, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Arbeit zu integrieren? Welche Strukturen unterstützen den Transfer zwischen Forschung und Praxis? Wie werden pflegerische Kompetenzen in Veränderungsprozesse eingebunden? Und erhalten hochqualifizierte Pflegefachpersonen den Handlungsspielraum, ihre Expertise tatsächlich einzusetzen?

Sichtbarkeit beeinflusst Wert

Damit geht die Ausstellung über die Darstellung eines Berufs hinaus. Sie stellt die Frage, welchen Einfluss Sichtbarkeit darauf hat, welchen Wert wir einer Tätigkeit beimessen. Gerade in der Pflege ist vieles, was Qualität ausmacht, auf den ersten Blick nicht erkennbar. Beobachten, interpretieren, Risiken antizipieren, kommunizieren, priorisieren und Entscheidungen vorbereiten hinterlassen selten ein spektakuläres Bild. Dennoch können genau diese Kompetenzen darüber entscheiden, wie sicher, individuell und wirksam Versorgung gelingt.

Eine differenzierte Darstellung professioneller Pflege ist deshalb auch für ihre Position innerhalb von Gesundheitsorganisationen relevant. Wird Pflege primär als ausführende Tätigkeit wahrgenommen, bleiben ihre Beiträge zu Qualität, Patientensicherheit, Innovation und Transformation zwangsläufig unterbelichtet. Kühfuss versteht ihre Fotografien dabei nicht als fertige Antworten. Bilder sollen vielmehr Gespräche eröffnen. „Ein Bild ist ein Portal in einen Aushandlungsprozess, an dessen Ende, wenn es gut läuft, bessere Entscheidungen für alle getroffen werden.“ 

Vielleicht liegt darin auch die besondere Stärke von „Pflegeperspektiven“. Die Ausstellung versucht nicht nur zu zeigen, wie Pflege aussieht. Sie macht sichtbar, was Pflege weiß, entscheidet und bewirkt. Und damit stellt sie eine Frage, die weit über die Fotografie hinausgeht: Wie kann eine Profession angemessen wertgeschätzt und weiterentwickelt werden, wenn wesentliche Teile ihrer Leistung im Alltag kaum wahrgenommen werden?

Ausstellung: „Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“
Ort: Rahel Hirsch Center (RHC), Luisenstraße 65, 10117 Berlin
Laufzeit: bis 29. Oktober 2026
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–17 Uhr

Ausstellung „Pflegeperspektiven – Praxis, Wissen, Transformation“
© Patricia Kühfuss

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