16.10.2026 • News

Dr. K. H. Eberle Preis 2026: Das Timing des Lebens

Die Molekularbiologin Elke Deuerling von der Universität Konstanz erhält den Dr. K. H. Eberle Preis 2026, der mit 100.000 Euro dotiert ist. Die Förderung kommt einem Projekt aus der Grundlagenforschung zugute, das die Entstehung und mögliche Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson aus einem neuen Blickwinkel betrachtet.

Elke Deuerling (l.) nimmt die Urkunde zum Dr. K. H. Eberle Preis 2026 von...
Elke Deuerling (l.) nimmt die Urkunde zum Dr. K. H. Eberle Preis 2026 von Alexandra Zoller (r.) entgegen. Zoller ist Vorstandsmitglied der Dr. K. H. Eberle-Stiftung.
© Universität Konstanz

Anfang Oktober vergab die Dr. K. H. Eberle Stiftung ihren mit 100.000 Euro dotierten Dr. K. H. Eberle Preis. Preisträgerin des Jahres 2026 ist Elke Deuerling, Molekularbiologin am Fachbereich Biologie der Universität Konstanz, mit dem Projekt „Das Timing des Lebens: Kontrolle der Translation zur Prävention neurodegenerativer Erkrankungen“. Darin werden sie und ihr Team untersuchen, ob altersbedingte Veränderungen im Ablauf der Proteinherstellung in unseren Zellen zur Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson beitragen – und ob sich der Krankheitsprozess an dieser Stelle gezielt beeinflussen lässt.

„Ich danke der Dr. K. H. Eberle Stiftung von ganzem Herzen für das Vertrauen in unser Projekt. Die großzügige Förderung wird es uns ermöglichen, einen frischen Blick auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen zu werfen und grundlegende Erkenntnisse zu gewinnen, die langfristig den Weg für neue Therapieansätze ebnen könnten. Ich freue mich schon darauf, mit meinem großartigen Team an die Arbeit zu gehen“, so Deuerling auf der Preisverleihung.

Einschreiten, bevor es zu spät ist

Ablagerungen fehlgefalteter Proteine im Gehirn gelten als Kennzeichen vieler neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Ein zentrales Problem bei der Behandlung dieser bisher unheilbaren Krankheiten besteht darin, dass die krankheitsbildenden Prozesse meist über Jahre oder gar Jahrzehnte unbemerkt voranschreiten, bevor erste Symptome auftreten und eine Diagnose erfolgt. Bestehende therapeutische Maßnahmen setzen daher sehr spät an, wenn der Krankheitsverlauf fortgeschritten ist und im Gehirn bereits irreversible Schäden entstanden sind. Für die Entwicklung wirksamer Therapien bräuchte es daher neue Strategien, die früher in den Krankheitsprozess eingreifen.

An dieser Stelle setzt Deuerlings Forschungsprojekt an, das nun durch den Preis der Dr. K. H. Eberle Stiftung realisiert wird. Konkret wird das Team untersuchen, inwieweit krankheitsrelevante Proteine bereits während ihrer Entstehung in der Zelle fehlerhaft gebildet werden und ob dies im Krankheitsverlauf zu den charakteristischen Proteinablagerungen führt. Darüber hinaus soll geklärt werden, ob und wie sich dieser Prozess verhindern lässt.

Weniger Tempo, mehr Abstand

Im Fokus der Untersuchungen wird ein Proteinkomplex stehen, den Deuerling zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe und weiteren internationalen Kolleg*innen bereits seit Jahren erforscht: der sogenannte „Nascent Polypeptide-Associated Complex“, kurz NAC. Erst kürzlich konnten sie nachweisen, dass NAC an den Proteinfabriken unserer Zellen – den Ribosomen – unter bestimmten Bedingungen die Proteinherstellung bremst, um einen reibungslosen Ablauf der Produktion zu gewährleisten. Denn häufig übersetzen mehrere Ribosomen hintereinander aufgereiht dieselbe mRNA, die den Bauplan des Proteins trägt. Sind die Abstände zwischen den Ribosomen zu klein und gerät dann eines von ihnen ins Stocken, kommt es zur Kollision. Die Folge sind unvollständige, fehlerhafte Proteine. „Wir können uns die Situation wie bei einer dichtbefahrenen Straße vorstellen. Je schneller das Tempo und je geringer die Abstände der Autos zueinander, desto höher die Gefahr von Auffahrunfällen", so Deuerling.

Interessanterweise nimmt die Häufigkeit solcher Kollisionen mit steigendem Alter zu – und damit die Entstehung fehlerhafter und potenziell toxischer Proteine in den Zellen. In der Forschung findet daher gerade ein Perspektivwechsel statt, bei dem diese „Auffahrunfälle“ – um im Bild zu bleiben – als eine der Hauptursachen von neurodegenerativen Erkrankungen in Betracht gezogen werden. „Unsere heutigen Kenntnisse über die Funktionsweise des NAC bieten uns neue Wege und Möglichkeiten, die Entstehung von toxischen Proteinen zu beobachten und gegebenenfalls zu kontrollieren“, so Deuerling. „Wir haben mit dem NAC ein Instrument an der Hand, dessen bekannte Funktion es ist, die Geschwindigkeit der Proteinsynthese zu drosseln, wodurch sich die Abstände der Ribosomen auf der mRNA erhöhen. Die entscheidende Frage ist, ob wir uns dies gezielt zunutze machen können, um Kollisionen als mögliche Auslöser neurodegenerativer Prozesse von vornherein zu verhindern.“

Über die Förderung:

Die Dr. K. H. Eberle-Stiftung mit Sitz in Lörrach lobt für wissenschaftliche Vorhaben an der Universität Konstanz einen jährlichen Preis aus. Die Stiftung fördert die Universität seit 2016. Die gestifteten Mittel werden auf Wunsch des Stifters stark leistungsorientiert und im Wege eines Wettbewerbs an der Universität Konstanz vergeben. Sie sollen der Initiierung zukunftsweisender, innovativer und mutiger Forschungsvorhaben dienen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Profilbildung und Weiterentwicklung der Universität Konstanz leisten. Besonderer Wert wird auf die gesellschaftliche Relevanz des geförderten Vorhabens gelegt.

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