Warum Ernährung in Klinik und Pflege lebensentscheidend ist
Verpflegung neu denken: apetito präsentiert Whitepaper im Deutschen Bundestag

Mangelernährung kostet das deutsche Gesundheitssystem bis zu 8,6 Mrd. Euro jährlich, das zeigen langjährige Studien immer wieder. Dennoch bleibt das Thema bisher politisch weitgehend unsichtbar. Gemeinsam mit Fachkräften aus Klinik, Forschung und Lehre, Pflege und Gesellschaft hat die apetito AG, ein internationales Familienunternehmen für Verpflegungslösungen, nun ein Whitepaper vorgelegt: „Besser Essen. Sicher versorgt.“ zeigt, warum Ernährung im Gesundheits- und Pflegesystem neu gedacht werden muss. Kürzlich wurde das Whitepaper im Deutschen Bundestag Abgeordneten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Pflegefachkräften sowie Vertreterinnen und Vertretern von Verbänden und Medien vorgestellt – mit einer gemeinsamen Botschaft: Ernährungspolitik ist Gesundheitspolitik.
„Ernährung ist in unserer politischen Debatte über Gesundheit und Pflege viel zu lange ein Randthema geblieben. Das muss sich ändern“, sagte Albert Stegemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie Gesundheit und Schirmherr der Veranstaltung. „Wer Mangelernährung systematisch bekämpft, stärkt die Resilienz der Menschen und verbessert ihre Lebensqualität. Zudem senkt dies Kosten und entlastet unser gesamtes Versorgungssystem.“
Ein unterschätztes Problem mit messbaren Folgen
20 bis 30 % der Patientinnen und Patienten in deutschen Kliniken sind krankheitsbedingt mangelernährt oder gelten als gefährdet. Die volkswirtschaftlichen Folgekosten belaufen sich laut Fachgesellschaften auf bis zu 8,6 Mrd. Euro pro Jahr, davon allein im Krankenhausbereich auf drei bis vier Mrd. Euro. Trotzdem fehlt es bislang an systematischen Screening-Strukturen und einer kostendeckenden Vergütung passender medizinischer Leistungen.
„Wenn wir heute über die Zukunft unseres Gesundheits- und Pflegesystems sprechen, reden wir über Finanzierung, Strukturreformen und Fachkräftemangel. Aber über einen Punkt sprechen wir zu wenig: über Ernährung. Dabei ist Mangelernährung eines der teuersten Strukturprobleme unseres Gesundheitswesens“, sagte Dr. Jan-Peer Laabs, CEO der apetito AG, in seiner Ansprache an die Bundestagsabgeordneten. „Sicher essen zu können ist keine Nebensache. Ernährung entscheidet mit darüber, ob Menschen schneller genesen, länger selbstständig bleiben und würdevoll versorgt werden.“
Vier Themenschwerpunkte, ein gemeinsamer Befund
Das Whitepaper bringt 13 Fachleute aus Klinik, Forschung und Gesellschaft zusammen. Sie alle eint eine Erkenntnis: Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei Prävention, Genesung und Lebensqualität. Die vielfältigen Herausforderungen und mögliche Lösungen verdeutlicht der Bericht in vier Schwerpunkten:
Dem Thema Special Nutrition widmen sich u.a. Experten des Klinikums Osnabrück. Fokus sind hier Schluckstörungen, die in stationären Pflegeeinrichtungen rund 50 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner betreffen. Nur 56 Prozent des Pflegepersonals sind jedoch mit Handlungsempfehlungen vertraut. Expertinnen der Charité Berlin und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe plädieren deshalb für eine stärkere Verankerung der IDDSI-Standards. Diese einheitlichen Konsistenzstufen von Lebensmitteln – von dünnflüssig bis normale Kost – ermöglichen eine sichere Ernährung, verhindern schwerwiegende Komplikationen durch Verschlucken, und steigern die Freude am Essen.
Der Schwerpunkt Klinikverpflegung unterstreicht, dass Mangelernährung im Krankenhaus kein seltenes Einzelphänomen, sondern ein relevanter Risiko- und Kostenfaktor ist. Das Problem: Basierend auf diversen Untersuchungen ist davon auszugehen, dass weniger als 10 Prozent der deutschen Krankenhäuser über ein qualifiziertes Ernährungsteam verfügen. Zudem wird Ernährungstherapie noch nicht kostendeckend vergütet. Dabei wären ein systematisches Screening bei der Aufnahme sowie eine individuelle Ernährungstherapie medizinisch wichtig und wirtschaftlich sinnvoll. Forschende des Kantonsspitals Aarau und des Klinikums Dortmund unterstreichen, dass diese Maßnahmen die Sterblichkeit, die Komplikationsraten und erneute Krankenhausaufenthalte messbar senken können.
In Pflegeheimen und der Tagespflege führen geteilte Zuständigkeiten zwischen Pflegekassen, Ländern und Kommunen dazu, dass kaum jemand verbindlich für eine lückenlose Ernährungsversorgung einsteht. Experten des Sozialverbands VdK, des Caritasverbands Leverkusen und des Bundesverbands Pflegemanagement zeigen, wie Zeitdruck und Fachkräftemangel die Versorgung zusätzlich hemmen – und was sich ändern muss: Pflegerische Leistungen sollten in Sozialgesetzbüchern als eigenständige, abrechenbare Leistungen verankern werden. Zudem gilt es, Ernährungsmanagement als präventive Pflegeleistung anzuerkennen.
Der letzte Schwerpunkt häusliche Pflege und Essen auf Rädern wirft einen Blick auf die knapp 86 % der Pflegebedürftigen in Deutschland, die zu Hause versorgt werden. Von ihnen werden nur etwa 25 % systematisch auf Mangelernährung untersucht. Dabei belegt die Forschung, was bedarfsgerechte Versorgung leisten kann: Mahlzeitendienste reduzierten in Studien Notaufnahme-Besuche von durchschnittlich 5,03 auf 1,45 pro Jahr. Täglich belieferte Personen berichteten zudem dreimal häufiger über ein geringeres Einsamkeitsgefühl. Expertinnen der Hochschule Bochum und Silbernetz e.V. fordern deshalb ein systematisches Screening und den Einsatz von Monitoring-Instrumenten, um Ernährung als festen Bestandteil von Prävention zu verankern.
Reformdebatte ebnet den Weg
Das Whitepaper erscheint in einer Phase intensiver Diskussionen über Gesundheits- und Pflegereformen. Das Krankenhausreformanpassungsgesetz beispielsweise strebt eine Richtlinie zur Qualitätssicherung bei Mangelernährung an. Das Whitepaper liefert dazu die fachliche Grundlage und zeigt: Wer über die Zukunft von Pflege und Gesundheit nachdenkt, muss auch über Ernährung sprechen.
„Ernährungspolitik und Gesundheitspolitik gehören zusammen“, so Dr. Laabs. „Die politischen Weichen werden gerade gestellt. Jetzt ist der Moment, Ernährung strukturell und systematisch in der Versorgung zu verankern.“











