Moderne Radiologie ohne Grenzen
Der 107. Deutsche Röntgenkongress hat als Leitmotiv „Radiologie grenzenlos“ gewählt. Was genau damit gemeint ist und welche Formate die Besucher erwarten können, erläutern die Kongresspräsidenten im Interview.
Dr. Jutta Jessen, Weinheim
M&K: Wie möchten Sie mit dem Motto „Radiologie grenzenlos“ konkret dazu beitragen, traditionelle fachliche und strukturelle Grenzen im Gesundheitswesen aufzubrechen?
Priv.-Doz. Dr. Bettina Baeßler: „Radiologie grenzenlos“ steht für unser Verständnis der Radiologie als verbindendes Element in der Patientenversorgung. Radiologie überwindet heute klassische Grenzen – zwischen Diagnostik und Therapie, zwischen Fachdisziplinen und zunehmend auch zwischen unterschiedlichen Versorgungsstrukturen.
Wir möchten diese Entwicklung gezielt stärken, indem wir die Radiologie als aktiven Partner in klinischen Entscheidungsprozessen positionieren. Das betrifft sowohl die enge Zusammenarbeit mit klinischen Disziplinen als auch die Integration neuer Technologien in bestehende Versorgungsabläufe.
Ziel ist es die Radiologie stärker als gestaltende Kraft im Gesundheitssystem zu etablieren – nicht nur als diagnostischer Dienstleister, sondern als integraler Bestandteil moderner, vernetzter Versorgung.

Zur Person
Priv.-Doz. Dr. Bettina Baeßler ist Radiologin mit Schwerpunkt kardiale Bildgebung und Unternehmerin. Nach Weiterbildung und Habilitation an der Uniklinik Köln folgten Oberarztpositionen an der Universitätsmedizin Mannheim und dem Universitätsspital Zürich sowie eine W2-Professur für KI in der Bildgebung an der Universität Würzburg. Zuletzt verantwortete sie die ärztliche Leitung eines nordbayrischen Praxisverbunds, bevor sie 2026 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Ihre Arbeit wurde u. a. mit dem Walter-Friedrich-Preis und dem Wilhelm-Conrad-Röntgen-Preis der Deutschen Röntgengesellschaft sowie 2022 mit dem Most Effective Radiology Educator Award von Aunt Minnie Europe ausgezeichnet. 2021 gründete sie die LernRad GmbH, die sie als Geschäftsführerin leitet.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in diesem Jahr, was erwartet die Teilnehmenden bei der Präsenzveranstaltung des Deutschen Röntgenkongresses?
Prof. Dr. Saif Afat: Der Röntgenkongress setzt in diesem Jahr klare Schwerpunkte bei der Weiterentwicklung der Radiologie entlang zentraler Zukunftsthemen: interventionelle Verfahren, Künstliche Intelligenz und die zunehmende Verzahnung von Diagnostik und Therapie.
Ein besonderer Fokus liegt auf der interventionellen Radiologie, die exemplarisch für den Wandel des Fachs steht. Mit Formaten wie dem DeGIR-Campus wird dieser Bereich praxisnah vermittelt und in seiner Bedeutung für klinische Behandlungspfade sichtbar gemacht.
Ergänzend greifen wissenschaftliche Sitzungen und Diskussionsformate zentrale Fragen der zukünftigen Versorgung auf – etwa zur Rolle neuer Technologien oder zur Organisation radiologischer Leistungen. Damit bietet der Kongress nicht nur fachliche Fortbildung, sondern auch Orientierung für strategische Entwicklungen in der Radiologie.

Zur Person
Prof. Dr. Saif Afat ist Geschäftsführender Oberarzt der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Sein Medizinstudium absolvierte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die Facharztausbildung an den Universitätsklinika Aachen und Tübingen. Nach der Habilitation im Jahr 2023 und der Ernennung zum außerplanmäßigen Professor 2025 liegt sein wissenschaftlicher Schwerpunkt auf innovativen bildgebenden Verfahren. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Marie-Curie-Ring und dem Wachsmann-Innovationspreis der Deutschen Röntgengesellschaft. Er ist der jüngste Kongresspräsident in der Geschichte des Deutschen Röntgenkongresses.
Welche neuen interdisziplinären und interprofessionellen Formate des Kongresses sehen Sie als besonders wegweisend für die zukünftige Zusammenarbeit in der Radiologie?
Priv.-Doz. Dr. Daniel Pinto dos Santos: Wegweisend sind vor allem Formate, die gezielt den Austausch zwischen Disziplinen und Berufsgruppen fördern. Dazu gehören Diskussionsformate wie „Die steile These“, die unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und Raum für kontroverse, aber notwendige Debatten schaffen.
Mit dem erwähnten DeGIR-Campus wird zudem ein praxisorientiertes Format etabliert, das die enge Verzahnung von Radiologie und Therapie erlebbar macht und interprofessionelle Zusammenarbeit konkret fördert. Ergänzende dialogorientierte Angebote wie die „Mixed Zone“ im Rahmen des MTR-Programms oder ein Round Table zum Thema Social Media & Radiologie eröffnen bewusst neue Blickwinkel und stärken den Austausch über klassische Fachgrenzen hinaus.
Diese Formate zeigen, dass die Weiterentwicklung der Radiologie wesentlich von Kooperation, gemeinsamen Lernprozessen und einem offenen Dialog geprägt sein wird.

Zur Person
Priv.-Doz. Dr. Daniel Pinto dos Santos ist Geschäftsführender Oberarzt der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie der Universitätsmedizin Mainz. Sein Studium und die Ausbildung zum Facharzt für Radiologie absolvierte er an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Nach einem Forschungsaufenthalt am Hospital Universitari La Fe in Valencia und Positionen als Oberarzt an den Universitätsklinika Köln und Frankfurt kehrte er 2025 an seine Alma Mater in Mainz zurück. Für seine Arbeiten erhielt er den Walter-Friedrich-Preis sowie den Wachsmann-Innovationspreis der Deutschen Röntgengesellschaft. Er ist aktueller Präsident der European Society of Medical Imaging Informatics und Chair des Finance and Internal Affairs Committee der ESR.
Termin:
107. Deutscher Röntgenkongress
Congresscenter Leipzig
13.-15. Mai 2026











