KI kann in der Krankenhaushygiene enorm unterstützen
Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) revolutioniert die Arbeitswelt. Inwieweit spielt KI in der Krankenhaushygiene heute schon eine Rolle?
Alexandra Höß, Hamburg

Zur Person
Anja Wienecke studierte Medizin und Public Health an der Charité in Berlin. Nach Tätigkeiten in der Chirurgie, Geriatrie und Reisemedizin ist sie nun in der Krankenhaushygiene tätig und seit 2024 Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin. Aktuell ist sie Oberärztin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken in Berlin. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt hier im Bereich Surveillance, IT-Lösungen und Digitale Transformation mit persönlicher Leidenschaft für Health Data Science und KI.

Zur Person
Selin Temizel studierte Medizin an der Ruhr-Universität Bochum und Public Health an der Universität Liverpool. Seit 2019 ist sie Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin und leitet seit 2022 die Stabsstelle für Hygiene & Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Als Koordinatorin für Internationale Beziehungen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene (DGKH) möchte sie die Vernetzung der europäischen Fachgesellschaften weiterentwickeln. Als Gründungsmitglied und Sprecherin der NewGen, der Nachwuchsgruppe der DGKH, liegt ihr die Zukunft der Krankenhaushygiene am Herzen – u.a. mit Themen wie Nachhaltigkeit und KI.
Der Einsatz von KI-Modellen im Bereich der Hygiene bietet viele Chancen, aber natürlich auch Risiken. Selin Temizel, Leiterin der Stabsstelle für Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg und Anja Wienecke, Oberärztin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken, Berlin, berichten über ihre Erfahrungen mit dem Thema KI.
M&K: Frau Wienecke, wie bewerten Sie aktuell die Rolle von KI in der Hygiene?
Anja Wienecke: Wir reden über KI, aber wir müssen vorher ansetzen: eine Digitalisierung der Prozesse ist zunächst einmal die notwendige Basis für den Einsatz von KI. Ich bin 2019 in die Krankenhaushygiene gewechselt und habe mitbekommen, dass gerade im Rahmen der Pandemie Meldungen länger dauerten, weil das Fax-Gerät im Gesundheitsamt besetzt war. Jetzt, ein paar Jahre später, sind wir schon bei der KI gelandet. Man kann KI nicht ohne Digitalisierung denken. Digitalisierung bedeutet ja, wir haben klar definierte digitale Prozesse und gut strukturierte Daten.
Wo die Strukturen heute schon sehr daten- und prozessgetrieben sind und vor allem die Aufgaben klar sind, also ein Output klar definiert ist, können wir KI jetzt schon sinnvoll einsetzen. Dann kann Künstliche Intelligenz das machen, wofür es geeignet ist, nämlich das Ganze enorm beschleunigen. Wenn man jedoch vorher Chaos bei den Daten und Abläufen hatte, wird es ein Vorhersagetool wie KI nicht besser machen, sondern das Chaos eher noch beschleunigen.
Wo liegen generell die größten Chancen für KI in der Hygiene?
Wienecke: Bezogen auf die Krankenhaushygiene kann man sagen, in unserem Fachgebiet arbeiten zwar relativ wenige Menschen, aber wir verfügen über enorm viele Daten und Prozesse. Und wir haben Daten aus unterschiedlichen Quellen, Strukturen und in unterschiedlichster Qualität – vom Faxbefund über das handschriftliche Protokoll bis zu strukturierten Mikrobiologiedaten.
Ob Patientenverläufe, Surveillance-Daten, Trinkwasser-Befunde, lufthygienische Untersuchungen, Ausbruchs-Dokumentationen, Prozessbeschreibungen, Schulungen oder Hygienepläne: diese ganzen Daten zusammenzuführen und in einen Prozess zu bringen, dabei kann uns KI langfristig enorm unterstützen. Das ist die große Chance.
Selin Temizel: Aber man muss dazu klar sagen, dies sind alles Dinge, die wir uns wünschen. Bisher werden nur einige KI-Anwendungen auf dem Markt angeboten, die sich auf nosokomiale Infektionen beziehen. Bei den Digitalisierungsprojekten, die gerade in Krankenhäusern laufen, steht dies verständlicherweise auch nicht an erster Stelle.
Ansonsten kann man die bestehenden Large Language Modelle (LLM) wie ChatGPT, die wir alle privat verwenden, auch in der Hygiene nutzen – natürlich im Rahmen der Vorgaben der eigenen Einrichtung. Das birgt aber tatsächlich viele Risiken, denn die Halluzinationen im Bereich Hygiene scheinen fast noch einen Tick schlimmer zu sein als bei anderen Themen. Natürlich entwickelt sich auch bei uns viel weiter und es wird dann auf veraltete Inhalte zurückgegriffen.
Ich habe nicht so positive Erfahrungen damit gemacht, fachlich beispielsweise für die Erstellung von Empfehlungen KI zu nutzen. Man kann sich inspirieren lassen, aber man muss auch wissen, was man tut, um die potentiellen Fehler der KI zu finden. Aber bei allem, was Kreativität betrifft, ist die KI auf jeden Fall ein Benefit. In der Hygiene geht es ja auch viel um Kommunikation, Schulung und Überzeugungsarbeit. Und mit einem KI-Bild kann man Situationen sehr gut auflockern, das hat früher doch mehr Mühe bedeutet.
Perspektivisch gesehen muss auch ein kleiner Bereich im Krankenhaus wie die Hygiene von KI profitieren und es muss auch investiert werden – sowohl in die Entwicklung und Implementierung von KI als auch in die Man- bzw. Woman-Power, die das dann vor Ort umsetzt. Das wäre sehr wünschenswert, aber das haben bisher die wenigstens von uns.
Frau Wienecke, wie sieht es bei Ihnen am Institut mit dem konkreten Einsatz von KI aus?
Wienecke: Wir setzen aktuell KI auch nur am Rande ein. Bisher nutzen wir KI für Literaturrecherche, Vortrags- und Unterrichtserstellung oder Bild-Generierung gemäß zentraler Unternehmensvorgaben. Bis man wirklich in großen Klinikkonzernen verschiedenen KI-Modellen auf einem eigenen Server flächendeckend Zugriff auf Patientendaten gibt, müssen noch einige Schritte getan werden.
Ich kann nur bestätigen, was bereits zum Thema Halluzinationen gesagt wurde. Die Qualität der Antworten basiert ja immer auf dem, was man in das Chatfenster hineinschreibt und auf den Trainingsdaten. Und die Krankenhaushygiene scheint in den Trainingsdaten sehr unterrepräsentiert gewesen zu sein. Viele meiner Kolleginnen berichten gerade bei frühen Modellen von haarsträubenden Ergebnissen, wenn man beispielsweise als Illustration für Lehre und Fachvorträge bei ChatGPT nach einer Arbeitsanweisung für Händehygiene gefragt hat. Deswegen gibt es bei Vivantes klare Vorgaben, die dies untersagen. Für uns wäre sehr wichtig, dass bei KI-Modellen, die wir nutzen, eine hochwertige Wissensdatenbank hinterlegt ist, um hochqualitative Dokumente zu erstellen. Langfristig werden wir einen datensicheren Zugang zu KI am Arbeitsplatz brauchen, dazu wird das nötige Know-how und die IT-Struktur rundherum benötigt und auch Nutzerinnen, die dies dann testen, konzipieren und überwachen.
Temizel: Wir in der Hygiene haben weniger Angst durch eine Maschine ersetzt zu werden. Wir würden uns fast freuen, wenn man uns Arbeit abnehmen könnte, damit wir die Dinge machen können, die nicht ersetzt werden können wie beispielsweise vor Ort zu sein, Mitarbeitende zu unterstützen, zu begleiten und zu schulen. Dies sind Dinge, die aktuell häufig zu kurz kommen.
Frau Temizel, Sie haben sich mit verschiedenen LLMs als Werkzeug für die Krankenhaushygiene ausführlicher beschäftigt. Was war hier Ihre Erkenntnis?
Temizel: Gerade bei kostenfreien Modellen stößt man schnell an Grenzen, nicht bei der normalen Chatfunktion, da kommt man relativ weit, aber wenn es z.B. um die Erstellung von Bildern geht. Wenn man dies nutzen möchte für seinen Arbeitsalltag, sollte man schon darüber nachdenken, ob die Modelle über das Haus bestellt oder abonniert werden könnten. Hier muss man wie gesagt beachten, was innerhalb der Häuser erlaubt ist. Darf ich ein LLM innerhalb meiner IT-Umgebung in meinem Krankenhaus überhaupt nutzen?
Ich hatte in den letzten eineinhalb Jahren zunächst ChatGPT ausprobiert. Dann auch Perplexity, dies ist eine Anwendung, in der mehrere LLMs kombiniert sind. Damit habe ich gute Erfahrungen für eine wissenschaftlich vertiefte Recherche sowie für die Erstellung von Texten und Bildern gemacht. Gut nutzbar für Präsentationen, kurze Videos oder Plakate ist Canva, ebenfalls eine Anwendung, die auf mehrere KI-Modelle zurückgreift.
Unglaublich wichtig ist auf jeden Fall wie man promptet, also wie man möglichst präzise formulierte Arbeitsanweisungen oder Fragen stellt. Das ist nicht so einfach und es ist auch nicht so, als würde KI immer Zeit ersparen. Bei Zusammenfassungen, bei leichter Sprache oder der Erstellung von Info-Grafiken spart man Zeit und das Ergebnis bei Grafiken sieht auch professioneller aus. Bei Bildern bringt jedoch ganz selten der erste Versuch das Ergebnis, das man haben möchte. Oft braucht man zehn Versuche oder mehr.
Auf jeden Fall sollte man auch im Krankenhaus nicht die Augen vor KI verschließen. Es wäre wichtig, dass Leitungsebene und IT die Grundlage dafür schaffen, dass Mitarbeitende verschiedene Anwendungen sicher nutzen können – auch in der Hygiene. Wir können uns nicht mehr hinter unserem Fax-Gerät verstecken.
Wienecke: Im Krankenhaus reden wir ja gerade erst darüber, wie wir die Chat-Funktion und KI-Anwendungen datensicher implementieren. Aber eigentlich ist man in der KI-Entwicklung ja schon viel weiter, wenn wir uns beispielsweise die KI-Agenten anschauen, die selbstständig komplexe Aufgaben planen und ausführen.











