08.07.2026 • Top-Themen

Stimmungsbild der europäischen Laborbranche

Seit 2021 erhebt Starlab jährlich das Stimmungsbild der europäischen Laborbranche. Das Starlab Stimmungsbarometer 2026 zeigt, Europas Labore sind so veränderungsbereit wie nie. Welche Innovationsbereitschaft die Mitarbeiter der Labore mitbringen, welche Blockaden Europas Labore lähmen und welche Hebel Wirkung entfalten erläutert Dr. Lennart Walter, Senior Product Manager bei Starlab International im Interview.

Dr. Jutta Jessen, Weinheim

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Dr. Lennart Walter

Dr. Lennart Walter studierte Biologie an der Universität Hamburg und promovierte 2000 im Bereich Pflanzen-Molekularbiologie, gefördert durch ein Stipendium des Graduiertenkollegs Biotechnologie der TU Hamburg-Harburg. Nach rund zehn Jahren in verschiedenen Vertriebspositionen der Life-Science-Branche ist er seit 2010 Produktmanager bei Starlab International, wo er unter anderem die TipOne Pipettenspitzen verantwortet.

M&K: Die Studie beschreibt fehlende Finanzierung erstmals als größte Herausforderung und ordnet sie als strukturelles, nicht konjunkturelles Problem ein. Wo sehen Sie in medizinischen Laboren die zentralen strukturellen Ursachen dieser Finanzierungslücke und welche Rolle spielen dabei regulatorische Vorgaben?

Dr. Lennart Walter: Während der Coronakrise wurden zusätzliche Kapazitäten aufgebaut, die nicht mehr in dem ursprünglich geplanten Maße benötigt werden. Gleichzeitig ist ein Ende der steigenden regulatorischen Anforderungen nicht absehbar. ISO 15189, IVDR, Datenschutz- und IT-Sicherheitsanforderungen erhöhen den Aufwand für Validierung, Dokumentation, Qualitätssicherung und IT-Infrastruktur. Investitionen sind unter Umständen aufschiebbar, Gesetze müssen hingegen zwingend eingehalten werden. Damit sind die Prioritäten klar.

Ergebnisse zur Frage: Welche Bereiche sind von Sparmaßnahmen am stärksten...
Ergebnisse zur Frage: Welche Bereiche sind von Sparmaßnahmen am stärksten betroffen?
© 2026 Starlab International GmbH

Drei Viertel der Labore sparen bei Geräten und Infrastruktur, gleichzeitig leidet die Zukunftsfähigkeit der Branche. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht dieser Zielkonflikt zwischen kurzfristigem Kostendruck und langfristiger diagnostischer Qualität und Innovationsfähigkeit im medizinischen Labor lösen? 

Walter: Wer jetzt in neue Geräte investiert, der wird in der Zukunft weniger Geld ausgeben müssen. Insbesondere steigende Energiekosten machen den Weiterbetrieb von altem stromfressenden Equipment immer unwirtschaftlicher. Die Anschaffung neuer Instrumente amortisiert sich momentan schneller als das früher der Fall war. Gleichzeitig tut man etwas für die Klimabilanz, was wiederum Vorteile in der Kundengewinnung bringen kann.

Hohe Stresslevel, sinkende Zufriedenheit und Fachkräftemangel prägen den Laboralltag. Welche konkreten organisatorischen oder technologischen Hebel könnten Labore nutzen, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren, ohne die diagnostische Sicherheit zu gefährden?

Walter: Labore können die Arbeitsbelastung senken, indem sie Prozesse mit Lean-Methoden verschlanken, Standardabläufe klar definieren und konzentrierte „Fokuszeiten“ für anspruchsvolle Tätigkeiten einführen. Eine kompetenzorientierte Aufgabenverteilung und vorausschauende Schichtplanung helfen, Peaks besser abzufangen und Fachkräfte gezielt für komplexe Tätigkeiten einzusetzen. Moderne LIMS/Middleware, digitale Order-Entry-Systeme und automatisierte Prä-/Postanalytik reduzieren manuelle, fehleranfällige Routinetätigkeiten drastisch. Entscheidungsunterstützungssysteme und KI-gestützte Vorselektionen entlasten bei der Sichtung von Daten und Bildern, während die finale diagnostische Verantwortung klar beim ärztlichen und fachkundigen Personal bleibt. Durch Pilotprojekte, systematische Risikoanalysen (z. B. FMEA) und ein kontinuierliches Feedback der Mitarbeitenden lassen sich diese Hebel einführen, ohne die diagnostische Sicherheit zu gefährden.

Ergebnisse zur Frage: Welche Nachhaltigkeitsmaßnahmen setzten Sie in Ihrem...
Ergebnisse zur Frage: Welche Nachhaltigkeitsmaßnahmen setzten Sie in Ihrem Labor bereits um?
© 2026 Starlab International GmbH

Nachhaltigkeit wird in der Studie nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch begründet. In welchen Bereichen sehen Sie das größte Einsparpotenzial durch nachhaltige Prozesse und wo stoßen ökologische Konzepte aktuell noch an praktische und/oder regulatorische Grenzen?

Walter: Das größte Einsparpotenzial durch nachhaltige Prozesse liegt im Energieverbrauch (Kühlgeräte, Abzüge, 24/7-Betrieb), im Verbrauch von Einwegmaterialien sowie in effizienterer Beschaffung und Logistik (Bündelung von Bestellungen, weniger Verpackung, Standardisierung). Zusätzlich können langlebige, reparierbare Geräte und ein konsequentes Life-Cycle-Management Kosten für Neuanschaffungen, Wartung, Stillstand und Entsorgung deutlich senken. An Grenzen stößt Nachhaltigkeit dort, wo Hygiene-, Sicherheits- und Qualitätsanforderungen (z.B. ISO 15189, IVDR, Infektionsschutz) den Einsatz von Einweg- und Spezialmaterial quasi vorschreiben und jede Prozessänderung aufwendig validiert werden muss.

Ergebnisse zu den Fragen: A) Nutzen Sie bereits KI-Tools fürIhre Arbeit? B)...
Ergebnisse zu den Fragen: A) Nutzen Sie bereits KI-Tools fürIhre Arbeit? B) Haben Sie Angst, dass Ihr Job durch KI/Automatisierung ersetzt wird?
© 2026 Starlab International GmbH

Die Mehrheit der Befragten begegnet KI pragmatisch, gleichzeitig gewinnen soziale Kompetenzen an Bedeutung. Wie verändert der zunehmende Einsatz von KI aus Ihrer Sicht das Kompetenzprofil von Laborfachkräften und welche Fähigkeiten sollten Ausbildung und Weiterbildung künftig stärker adressieren?

Walter: Der Einsatz von KI verschiebt das Profil von Laborfachkräften weg von manuellen Routinen hin zu Rollen, in denen Datenverständnis, Prozesssteuerung und kritische Bewertung von KI-Ergebnissen im Vordergrund stehen. Gefragt sind zunehmend Digitalkompetenz, Statistik-/Datenkompetenz, Verständnis für LIMS/Middleware/KI-Tools sowie solide Kenntnisse zu Qualitäts- und Regulierungsanforderungen. Ausbildung und Weiterbildung sollten deshalb stärker Data Literacy, IT- und Prozessverständnis, sowie soziale Kompetenzen wie interdisziplinäre Kommunikation, Change-Kompetenz und resilientes Arbeiten adressieren.

Ergebnisse zur Frage: Welche Skills sind 2026 am wichtigsten?
Ergebnisse zur Frage: Welche Skills sind 2026 am wichtigsten?
© 2026 Starlab International GmbH

Die Studie betont, dass viele Werkzeuge für positive Veränderungen bereits vorhanden sind, denen aber oft die richtigen Rahmenbedingungen fehlen. Wer trägt Ihrer Meinung nach die Schlüsselrolle, um bestehende Strukturen tatsächlich zu verändern?

Walter: Die Schlüsselrolle liegt aus meiner Sicht bei der Laborleitung bzw. dem mittleren Management, weil dort sowohl das Verständnis für den Arbeitsalltag als auch der Hebel zur konkreten Umsetzung von Veränderungen vorhanden ist. Ohne die Unterstützung der Geschäftsführung/Klinikleitung – etwa durch Ressourcen, Priorisierung und klare Zielvorgaben – bleiben jedoch viele Initiativen Stückwerk. Gleichzeitig sind engagierte Fachkräfte als Change-Botschafter wichtig, um Praxiswissen einzubringen, Akzeptanz im Team zu schaffen und Pilotprojekte in den Alltag zu überführen.

Über die Umfrage

Starlab hat 2021 damit angefangen, das Stimmungsbild in der Laborbranche einzufangen. Für das Stimmungsbarometer 2026 befragte das Unternehmen im Januar insgesamt 368 Labormitarbeiter aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und Österreich. Die Teilnehmer wurden über den Starlab-Newsletter, LinkedIn sowie die Unternehmenswebsite erreicht. Die Mehrheit der Befragten (58 %) arbeitet als Labormanager oder Labortechniker. Weitere Teilnehmende sind Master-, PhD- und Post-Doc-Studierende (8 %), Einkäufer (8 %), Forscher und Medizinforscher (7 %), Professoren und Projektleiter (4 %) sowie Labordirektoren (2 %). 13 % sind in sonstigen Laborbereichen tätig.

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