Gleicher Angriffspunkt – unterschiedliche Wirkung
Neue antimikrobielle Strategien sind dringend erforderlich, um Krankheitserreger einzudämmen.


Das gilt insbesondere für Gram-negative Bakterien, die durch eine dicke zweite Membran vor dem Angriff von Antibiotika geschützt sind. Mikrobiolog*innen der Fakultät für Biologie und Biotechnologie der Ruhr-Universität Bochum haben die Wirkung von fünf verschiedenen Substanzen verglichen, die den Aufbau dieser äußeren Membran hemmen. Neben den erwarteten Konsequenzen fanden sie – je nach Substanz – eine Reihe von zusätzlichen zellulären Antworten der bakteriellen Zelle. Die Ergebnisse können helfen, das Anwendungspotenzial solcher Inhibitoren besser einzuschätzen und wurden Journal of Biological Chemistry veröffentlicht.
Seit mehr als hundert Jahren werden Bakterien aufgrund ihres Färbeverhaltens in Gram-positive und Gram-negative Bakterien eingeteilt. Gram-negative Krankheitserreger stellen eine besondere Herausforderung dar, weil sie von einer zweiten Membran umgeben sind, die viele Antibiotika nicht passieren lässt. „Andererseits sind die Enzyme, die diese äußere Membran herstellen, einzigartig und sind deshalb interessante Angriffspunkte für spezifische Antibiotika gegen diese Gruppe von Bakterien“ erklärt Prof. Dr. Franz Narberhaus, Inhaber des Lehrstuhls für Biologie der Mikroorganismen und Leiter der Studie.
Schlüsselenzym kann gehemmt werden
Ein besonders attraktives Ziel für die Antibiotika-Entwicklung ist das Enzym LpxC, das den ersten unumkehrbaren Schritt in der Biosynthese der äußeren Membran von Gram-negativen Bakterien katalysiert. Um zu erfahren, wie das Modellbakterium Escherichia coli auf die Blockierung dieses Enzymes reagiert, haben die Forschenden die zelluläre Antwort auf fünf verschiedene LpxC-Inhibitoren miteinander verglichen. Alle fünf Substanzen konnten an LpxC binden und dieses Enzym hemmen, was zu einer Akkumulation von inaktivem LpxC in den Bakterienzellen führte. Außerdem wurden die Bakterien durch alle fünf Substanzen abgetötet, allerdings mit deutlich unterschiedlicher Effizienz.
Gleich und doch nicht gleich
Obwohl alle Inhibitoren an der gleichen Stelle angreifen, gab es eine Reihe von substanzspezifischen Unterschieden in der bakteriellen Antwort auf die Behandlung. Vier der Substanzen veränderten das Gleichgewicht in der Membranzusammensetzung, ein Zeichen für akuten Membranstress. Einige Substanzen induzierten eine generelle Stressantwort oder griffen in Stoffwechselwege ein, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Membran-Biosynthese stehen. „Wir lernen daraus, dass man genau hinschauen sollte, was in den Bakterien passiert, bevor man solche Substanzen einsetzt“, warnt Prof. Dr. Julia Bandow, Leiterin des Centers für systembasierte Antibiotikaforschung CESAR, in dem ein Teil der Studien durchgeführt wurde. Selbst wenn das gleiche Enzym gehemmt wird, heißt das nicht automatisch, dass die zellulären Antworten der Bakterien identisch sind.
Neue antimikrobielle Wirkstoffe mit großem Potenzial
Leider sind alle bisher verfügbaren LpxC-Inhibitoren aufgrund von Nebenwirkungen an Mensch und Tier für eine klinische Anwendung ungeeignet. Hoffnung macht allerdings ein vor wenigen Monaten beschriebener neuer LpxC-Inhibitor, der sehr effizient bakterielle Infektionen bekämpft und dabei frei von Nebenwirkungen ist, zumindest im Tiermodell. „Wir sind nun sehr daran interessiert zu testen, wie Bakterien auf diese Substanz reagieren“, so Franz Narberhaus. In Zukunft soll auch die bakterielle Antwort auf andere Wirkstoffe, die an früheren oder späteren Schritten der Biosynthese der äußeren Membran angreifen, untersucht werden. Trotz des großen Potenzials solcher Antibiotika ist über deren Wirkmechanismus und die bakterielle Reaktion darauf erst wenig bekannt.
Meist gelesen

ATOS Wiesbaden setzt bei Anästhesie auf besonders schonende und sichere Narkose-Dreifachkombi
Wenn es um das Thema Anästhesie für operative Eingriffe geht, stehen Ärzten unterschiedliche Methoden zur Verfügung. Ein besonders innovatives Verfahren setzt die ATOS Klinik Wiesbaden als eine von wenigen Kliniken seit Jahren standardmäßig ein.

Neues Sequenzier-Labor am Krankenhaus Merheim eröffnet
Das Krankenhaus Merheim der Kliniken der Stadt Köln hat am 7. Oktober 2025 offiziell sein neues Sequenzier-Labor in Betrieb genommen – ein bedeutender Schritt in Richtung moderner, personalisierter Krebsmedizin.

Zukunftsfähig: Neuausrichtung des TAVI-Programms im Asklepios St. Georg
Mit der Prozessoptimierung des TAVI-Programms gelang es dem Team für strukturelle Herzerkrankungen, wirtschaftliche Effizienz und Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern – ein Gewinn für alle Seiten.

Doppeltes Risiko: Kombination zweier Genvarianten begünstigt Entzündung und Krebs
Kieler Forschungsteam hat zwei Genveränderungen identifiziert, die im Zusammenspiel bei Menschen mit chronischen Darmentzündungen das Risiko für Darmkrebs erhöhen könnten.

Krebsmedikamente: Wie sich Nebenwirkungen am Auge behandeln lassen
Moderne Krebsmedikamente wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) und Immuntherapien können schwerwiegende Nebenwirkungen am Auge bis hin zur Erblindung verursachen.










