Theodor-Frerichs-Preis 2026 für PD Dr. Rima Chakaroun
Ausgezeichnete Forschung zeigt: Der BMI allein reicht nicht aus, um das Risiko bei Adipositas zu beurteilen.

Der Theodor-Frerichs-Preis 2026 der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) geht an PD Dr. med. Rima Chakaroun vom Universitätsklinikum Leipzig. Die Internistin erhält die renommierte Auszeichnung für ihre Forschung zum Body-Mass-Index (BMI). Sie konnte zeigen, dass dieser das individuelle Gesundheitsrisiko für Folgeerkrankungen von Übergewicht und Adipositas, darunter Typ-2-Diabetes, Fettleber und Herzkreislauferkrankungen oft nur unzureichend abbildet. Der mit 30.000 Euro dotierte Wissenschaftspreis wurde am 19. April 2026 im Rahmen der feierlichen Eröffnung des 132. Internistenkongresses in Wiesbaden verliehen.
Warum der BMI nicht genügt
Der Body-Mass-Index (BMI) dient seit Jahrzehnten als einfacher Maßstab, um das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße einzuordnen. Ab einem BMI von über 30, spricht man von Adipositas. Ein Problem dieser Kennzahl ist jedoch, dass sie weder zwischen Muskel- und Fettmasse unterscheidet noch berücksichtigt, wo sich Fett im Körper ansammelt. Gerade die Fettverteilung – insbesondere viszerales Fett im Bauchraum und um die Organe – spielt jedoch eine entscheidende Rolle für das Risiko von Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Auch wenn zwei Menschen einen ähnlichen BMI haben, können sie ein sehr unterschiedliches Stoffwechselprofil aufweisen – und damit auch ein sehr unterschiedliches Risiko für Erkrankungen wie Diabetes oder Fettleber“, erklärt PD Dr. med. Rima Chakaroun. „Diese Unterschiede besser zu verstehen und messbar zu machen, war das Ziel unserer Forschungen.“
Ein neuer Blick auf den Stoffwechsel
Grundlage der ausgezeichneten Arbeit, die Anfang 2026 in Nature Medicine erschienen ist, war eine umfassende Analyse biologischer Daten aus zwei schwedischen Bevölkerungsstudien mit insgesamt fast 1900 Teilnehmenden. Dabei untersuchte das Forschungsteam unter anderem Stoffwechselprodukte im Blut, genetische Faktoren, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms sowie CT-basierte Analysen zur Verteilung des Körperfetts. Aus diesen Daten entwickelten die Forschenden auf Multi-Omics basierte BMI-Vorhersagen, wobei der auf Metaboliten basierte BMI, den sogenannten metabolischen BMI (metBMI), am besten die zentrale Fettverteilung und Stoffwechselstörungen widerspiegelte. In dieses Modell zur Risikobewertung blieben nach stringenter Selektion 66 Schlüsselmetabolite aus dem Blut – darunter Aminosäuren, Fettsäuren, Ceramide und aus der Nahrung stammende Stoffwechselprodukte. So kann der metBMI den Stoffwechselzustand eines Menschen präziser widerspiegeln als der klassische BMI.
Verborgene Risiken werden sichtbar
Die Ergebnisse sind deutlich: Personen mit einem erhöhten metBMI hatten in der Studie ein deutlich höheres Risiko für Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz, Fettleber oder Typ-2-Diabetes, selbst wenn ihr klassischer BMI keine besonders hohe Risikostufe anzeigte. Schätzungsweise 10 bis 20% der nach BMI normalgewichtigen Personen zeigen solche Anzeichen metabolischer Dysfunktion, die ohne tiefgehende Untersuchungen unentdeckt bleiben. „Wenn wir verstehen wollen, warum manche Menschen trotz Übergewicht metabolisch relativ gesund bleiben und andere frühzeitig schwer erkranken, müssen wir tiefer in die biologischen Mechanismen schauen“, sagt Chakaroun.
Fettgewebe, Stoffwechsel und Darmmikrobiom
Die Studie liefert zudem neue Hinweise darauf, wie eng Fettgewebe, Stoffwechsel und Darmmikrobiom miteinander verknüpft sind. Personen mit hohem metBMI wiesen eine deutlich geringere Vielfalt der Darmbakterien auf und zeigten funktionelle Verschiebungen im Mikrobiom. Viele der im metBMI erfassten Blutmarker werden von Darmbakterien beeinflusst oder produziert, womit der metabolische BMI zugleich ein Spiegel der Darm-Stoffwechsel-Achse darstellt. Bemerkenswert ist, dass genetische Risikoscores den metBMI kaum erklären. Er wird viel stärker durch Lebensstil und Umweltfaktoren geprägt und bei Frauen deutlich mehr durch die Ernährung als bei Männern. Das macht den metabolischen BMI besonders relevant für die Prävention, da diese Faktoren grundsätzlich beeinflussbar sind. Langfristig könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, Risikopatientinnen und -patienten früher zu erkennen und Therapien gezielter auszuwählen.
Zur Person
PD Dr. med. Rima Chakaroun ist Fachärztin für Innere Medizin und Clinician Scientist an der Universität Leipzig. Sie studierte in Leipzig Medizin und forschte parallel zu ihrer internistischen Weiterbildung zu Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und Adipositas. Prägend waren dabei ihre Arbeit im Leipzig Center of Metabolism sowie internationale Kooperationen, insbesondere ein Forschungsaufenthalt an der Universität Göteborg im Rahmen des Walter-Benjamin-Programms der DFG. Ihre Forschung konzentriert sich insbesondere auf die Rolle des Mikrobioms und biologischer Signalwege bei Adipositas und metabolischen Erkrankungen. Seit 2025 ist sie Inhaberin einer Else-Kröner-Clinician-Scientist-Professur für klinische Mikrobiom- und Stoffwechselforschung an der Universität und Universitätsklinikum Leipzig. Für ihre Arbeiten wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schoeller-Junkmann-Preis der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie sowie dem Novo Nordisk EASO New Clinical Investigator Award.
Ausgezeichnete Publikation
Chakaroun, R.M., Pradhan, M., Björnson, E. et al. Multi-omic definition of metabolic obesity through adipose tissue–microbiome interactions. Nat Med 32, 113–125 (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-025-04009-7
Anbieter











