Flache kolorektale Polypen


Der Dickdarmkrebs gilt als zweithäufigste Krebstodesursache in Deutschland. Es wird weithin akzeptiert, dass sich die Mehrzahl der Fälle aus langsam wachsenden Polypen entwickelt. In den vergangenen Jahren zeigten jedoch mehrere Studien, dass sich auch nicht-polypoide kolorektale Krebsvorstufen zum Karzinom entwickeln können.
Im Vergleich zur umgebenden Schleimhaut erscheinen sie morphologisch leicht erhaben, vollständig flach oder gering eingesenkt. Während sie in früheren Jahren nur für Japan beschrieben wurden, besteht inzwischen kein Zweifel, dass sie auch in westlichen Ländern vorkommen. Die größte diesbezügliche Studie wurde von amerikanischen Ärzten durchführt, die von japanischen Spezialisten in der Erkennung derartiger Krebsvorstufen bei der Darmspiegelung geschult worden waren. Sie untersuchten über 1.800 Veteranen mittels Koloskopie zur Vorsorge oder zur Abklärung von Beschwerden. 42% der Untersuchten hatten mindestens eine Gewebewucherung. Zumindest eine nicht-polypoide kolorektale Neoplasie wurde bei 9,4% aller Fälle bzw. 5,8% der Vorsorgefälle entdeckt. Polypen wurden etwa fünfmal häufiger nachgewiesen. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit schwerer Zellveränderungen oder sogar schon das Vorliegen eines Karzinoms bei den flachen Veränderungen nahezu zehnmal höher als bei den leichter erkennbaren Polypen.
Die gute Nachricht ist, dass die nicht-polypoiden Krebsvorstufen mit den heutigen Techniken der Koloskopie entdeckt und auch häufig in derselben Sitzung entfernt werden können. Die wichtigsten diagnostischen Voraussetzungen sind eine entsprechende Erfahrung des Untersuchers, eine gute Darmreinigung, eine ausreichend lange Untersuchungszeit sowie der Einsatz moderner hochauflösender Endoskope, gegebenenfalls mit Einsatz elektronischer oder konventioneller Chromoendoskopie. Die Abtragung derartiger Veränderungen erfordert spezielle Techniken wie die der endoskopischen Mukosaresektion (EMR) oder Submukosadissektion (ESD). Die Entfernung großflächiger nicht-polypoider kolorektaler Neoplasien erfolgt vorwiegend unter stationären Bedingungen in Zentren, insbesondere aufgrund des erhöhten Komplikationsrisikos.
Die schlechte Nachricht ist, dass sich flache Läsionen durch andere Verfahren wie Stuhltests oder auch radiologischen Methoden wie Computertomografie nicht zuverlässig erfassen lassen. Eine sorgfältig durchgeführte Koloskopie bietet sicher die größten Chancen zur Diagnose sowohl von Polypen als auch flachen Krebsvorstufen. Durch deren Erkennung und endoskopische Entfernung lässt sich das Darmkrebsrisiko nachweislich drastisch senken. Dieser Effekt lässt sich durch die besondere Beachtung der flachen, mit erhöhtem Entartungsrisiko verbundenen Neoplasien wahrscheinlich weiter steigern. Dagegen könnte ein Übersehen dieser Veränderungen zumindest teilweise erklären, dass - wenn auch selten - trotz vorausgegangener Koloskopie Karzinome auftreten können. Vor diesem Hintergrund erscheinen neben wissenschaftlichen Projekten internationale Fortbildungsveranstaltungen mit der Einbindung westlicher und östlicher Experten für den Erfahrungsaustausch sowie gegenseitige Schulungsprogramme besonders vielversprechend.
Anbieter
Evangelisches Krankenhaus - Medizinische KlinikKirchfeldstr. 40
40217 Düsseldorf
Deutschland
Meist gelesen

Gelnägel im Gesundheitswesen: Risiko für Patienten?
Künstliche Fingernägel sind im Gesundheitswesen mit einer höheren mikrobiellen Besiedlung verbunden.

Wer haftet bei der Versorgung chronischer Wunden?
Die Versorgung akuter und insbesondere chronischer Wunden ist durch eine enge Zusammenarbeit zwischen ärztlichen und pflegerischen Berufsgruppen geprägt.

„Die ePA zwischen Sanktionsdruck und Klinikrealität“
Prof. Dr. Henriette Neumeyer im Interview zur ePA

Sensoren machen Operationssäle schlau - Wie Roboter zu OP-Assistenten werden
Wie können Roboter und Menschen in Zukunft bestmöglich im OP zusammenarbeiten? Das haben Forschende der Technischen Universität München (TUM) und des TUM Klinikums im Forschungsprojekt ForNeRo untersucht.

Strukturierte Schockraumversorgung für kritisch Kranke
Der Schockraum dient als strukturierter Bereich für die Erstversorgung schwerverletzter Patienten nach standardisierten Abläufen.





