Hygiene geht in die Luft
Wenn über Hygienemanagement im Gesundheitswesen gesprochen wird, stehen meist Krankenhäuser, Intensivstationen oder der bodengebundene Rettungsdienst im Fokus.
Jürgen Henker, Leiter Hygienemanagement, DRF Stiftung Luftrettung gGmbH, Filderstadt

Dieselben Anforderungen werden aber auch an die Luftrettung gestellt. Allerdings hier unter Bedingungen, die das Hygienemanagement wesentlich komplexer machen. Die Luftrettung vereint zwei regulierte Bereiche: den medizinischen Infektionsschutz und die zivile Luftfahrt.
Beide folgen eigenen gesetzlichen und organisatorischen Vorgaben, die nicht immer problemlos miteinander vereinbar sind. Während das Hygienemanagement die Vermeidung von Infektionen und den Schutz von Patienten und Personal im Blick hat, stehen auf luftfahrttechnischer Seite der sichere Betrieb des Luftfahrzeugs, der Schutz empfindlicher Systeme und die Erhaltung der Lufttüchtigkeit im Vordergrund.
Herausforderung: Luftfahrzeug mit Doppelfunktion
Hier offenbart sich die eigentliche Herausforderung. Ein Rettungshubschrauber oder Ambulanzflugzeug ist gleichzeitig Behandlungsraum, Intensivtransportmittel und hochkomplexes Luftfahrzeug. Auf wenigen Quadratmetern arbeiten medizinische Besatzung, Piloten, Medizintechnik sowie Kommunikations- und Luftfahrtsysteme eng zusammen. Zugleich müssen Patienten mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern versorgt werden.
Im Vergleich beispielsweise zum Rettungswagen ergeben sich zahlreiche zusätzliche Anforderungen. Bei einer Oberflächendesinfektion stellt sich hier nicht allein die Frage der mikrobiologischen Wirksamkeit. Jedes eingesetzte Desinfektionsmittel muss auch hinsichtlich seiner Materialverträglichkeit bewertet werden, da in der Luftfahrt häufig eloxiertes Aluminium oder Verbundwerkstoffe zur Gewichtsreduktion zum Einsatz kommen. Auch hochwertige Displays, Touchscreens, spezielle Beschichtungen oder elektronische Baugruppen im Cockpit können durch ungeeignete Produkte beschädigt werden. Flüssigkeitseintritt, Korrosion oder Materialalterung stellen dabei nicht nur wirtschaftliche Risiken dar, sondern können im schlimmsten Fall sicherheitsrelevante Auswirkungen haben, daher gibt es auch Vorgaben der Luftfahrzeughersteller, die zu beachten sind.
Hygienemanagement in der Luftrettung bedeutet deshalb, ständig zwischen verschiedenen Anforderungen abzuwägen. Jede Maßnahme muss drei Ziele gleichzeitig erfüllen: Krankheitserreger wirksam reduzieren, die Technik schützen und die schnelle Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft gewährleisten. Dieser Balanceakt prägt den täglichen Betrieb und macht deutlich, warum sich Hygienekonzepte aus Klinik oder bodengebundenem Rettungsdienst nicht ohne Weiteres übertragen lassen.

Problematik: Infektionsschutz trotz räumlicher Enge
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den besonderen Risiken der räumlichen Enge. Anders als in vielen anderen medizinischen Bereichen ist eine vollständige Trennung zwischen Patienten- und Cockpitbereich nicht möglich. Dies betrifft insbesondere den Umgang mit aerogen übertragbaren Erkrankungen. Die Bewertung von Aerosolrisiken, der Schutz der Besatzung sowie einsatztaktische Entscheidungen gewinnen dadurch erheblich an Bedeutung.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der persönlichen Schutzausrüstung. Während medizinische Anforderungen einen möglichst umfassenden Schutz verlangen, dürfen Sicht, Bewegungsfreiheit, Kommunikation und sichere Arbeitsabläufe im Flugbetrieb nicht eingeschränkt werden.
Darüber hinaus wird im Vortrag auf dem Freiburger Hygiene- und Infektiologie Kongress (siehe Terminhinweis unten) gezeigt, wie standardisierte Handlungshilfen die Besatzungen im Einsatz unterstützen können. Speziell entwickelte Taschenkarten und digitale Entscheidungshilfen liefern kompakte Informationen zu relevanten Infektionskrankheiten, erforderlicher Schutzausrüstung, Desinfektionsmaßnahmen und besonderen Einsatzverfahren. Solche Instrumente schaffen Handlungssicherheit in Situationen, die häufig unter erheblichem Zeitdruck bewältigt werden müssen.
Auch in der Luft: Hygienekultur und Qualitätssicherung

Neben den praktischen Maßnahmen wird auch die Bedeutung einer gelebten Hygienekultur thematisiert. Hygienestandards können nur dann dauerhaft wirksam sein, wenn sie regelmäßig trainiert, überprüft und weiterentwickelt werden. Daher spielen Schulungen, praktische Trainings, Audits, digitale Lernangebote und Hygienemonitoring eine zentrale Rolle.
Ergänzend werden moderne Ansätze der Qualitätssicherung vorgestellt. Digitale Dokumentationssysteme, Kennzahlen-Dashboards und datenbasierte Auswertungen ermöglichen es, Hygienequalität sichtbar und messbar zu machen. Gleichzeitig liefern sie wichtige Erkenntnisse für die kontinuierliche Verbesserung bestehender Prozesse.
Spezialisiertes Gesamtsystem: Komplexität durch Anforderungsvielfalt
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Hygienemanagement in der Luftrettung weit mehr ist als die Umsetzung einzelner Desinfektionsmaßnahmen. Es handelt sich um ein spezialisiertes Gesamtsystem an der Schnittstelle von Medizin, Technik und Luftfahrt. Die wesentlichen Herausforderungen lassen sich dabei auf drei Kernaspekte verdichten: Die Sicherstellung von Patienten- und Personalsicherheit, die Materialverträglichkeit sowie die Beherrschung der logistischen Komplexität bei infektiologischen Einsatzlagen. Dies bedingt einen ständigen Balanceakt zwischen erforderlichen Hygienemaßnahmen und einer möglichst kurzen Wiederherstellungszeit der Einsatzbereitschaft.
In der Luftrettung endet Hygiene nicht mit der Desinfektion eines Luftfahrzeugs. Sie beginnt vielmehr dort, wo Infektionsschutz und Flugsicherheit jeden Tag gemeinsam funktionieren müssen.
Der Beitrag ist in der Ausgabe Oktober der Management & Krankenhaus im Sonderteil zum BZH-Kongress 2026 erschienen.
















